Die Orale Wahrheit – Eine Übung an das Verweilen

Das Glauben und die Wahrheit

Zwei Rollen hat der Mund zu spielen – das Aufnehmen und das Abgeben. Er ist sowohl das Hauptorgan dafür verantwortlich, die notwendige Nahrung für den Organismus aufzunehmen, als auch Vehikel für die Notwendigkeit des geistigen Ausdrucks. Der Mund hat die Fähigkeit der Assimilation und der Vermittlung. Nur ausgeglichene Assimilation ermöglicht eine vernünftige Art des Ausdrucks, deshalb braucht das Assimilieren allerhöchste Aufmerksamkeit.

Kaffee, Kardamom und Zimt. Starke Inspirationen für Nase und Gaumen

Genau über dem Mund ist die Nase. In ihre Rolle, Fähigkeit und Platzierung soll sie dem Mund das Glauben schenken, wonach wir akzeptieren oder ablehnen jegliches Objekt, das vorm Mund sich befindet und schließlich im Kontakt mit dem Schleimhaut kommen wird. Die olfaktorische Wahrnehmung ist zweifelsohne an sich ein geschätztes Universum und das Glauben in das, was kommen kann oder zu kommen ist, setzt besondere Erlebnisse frei, die für mentale und physische Energien essenziell sind. Es entsteht Kraft und Inspiration durch den Glauben. Dies können die Millionen attestieren, die Mohammed, Jesus oder Dalai folgen, sowie viele, die noch auf einen Messias warten zu folgen. Doch die Notwendigkeit, glauben zu können, basiert schließlich nicht auf Wahrheit, sondern auf Vertrauen.

Wir müssen in den unterschiedlichen Auskünften und Warnungen glauben, die die Nase uns vermittelt, denn sie geben uns Hinweis zudem was für den Gaumen sukkulent, oder verdorben, verfault, gar lebensgefährlich sein kann. Der Mund – anderseits – der ist die Wahrheit! Nennen wir sie eine Individuelle, aber es ist die Wahrheit für das Individuum und sie wird eine konkrete Anwesenheit im Organismus und folglich auf dem ganzen Körper wirken. Mancher Käse – oder auch Kaffee – will die Nase in einer Vorstellungswelt hineinsteuern, dass manches Mal stark abweicht oder widerspricht, was der Geschmack Sekunden später von dem Zungen und dem Gaumen wahrnehmen wird.

Mund, Zunge und Speichel

Der Mund ist einer kleiner Kammer, aber die perfekte Kathedrale. Er ist wahrhaftige Architektur. Er ermöglicht passive sowie aktive Akustik. Er ist hol und heilig, Heimat für Gold, aber für Müll ebenso. Das Traurige ist, wir verweilen viel länger in Kathedralen, als wir es im Mund erlauben. In der Psychologie ist die Wichtigkeit des Orales sogar auf bestimmte Zeit im Leben eines Individuums begrenzt. Sigmund Freud spricht von den ersten achtzehn Monaten in der Entwicklung eines Kindes als die orale Phase, währenddessen das Zentrum des Genusses ist der Mund.

Achtzehn Monate für den Mund als Genuss Zentrum?!

Mir ist verständlich, dass andere Teile des Körpers bald genug so weit sind, dass das Zentrum der Entwicklung eines Kindes für die intellektuelle Assimilation nicht allein die Mundhöhle sein kann. Dennoch, jegliche Reduzierung ihrer Wichtigkeit und jegliche Verschiebung weg vom Zentrum betrachte ich als entscheidend und gefährlich für alle, die weit über traditionelle Regeln und Grenzen hinaus wachsen sollen, die Gesellschaften uns als wertvolle Systeme installieren. Dies ist genau der Grund, warum ich über dieses Thema gerne spreche und schreibe: Wir verweilen nicht, in der Regel beeilen wir uns an allem vorbei. Und vor allem, wir schlucken viel zu früh.

Viele Individuen verkosten fleißig in den unterschiedlichen Feldern und werden mit Blicken der Befremdung konfrontiert, wegen deren ungewöhnlichen Mund Bewegungen und Geräuschen. Ihr Ziel ist einfach das Eintauchen im Reich des Geschmacks, der sich im Mund entfalten kann. Manche betreiben es so weit, dass sie daraus ihr Beruf machen. Sie verkosten Essen oder Whisky, Wein, Tee oder Kaffee. Interessanterweise, bei Getränken ist der Prozess des oralen und mentalen Verweilens viel länger, als beim Verkosten vom Essen. Noch einen Grund aufwendig auf der Wichtigkeit des Mundes hinzuweisen.

Das Verdauen ist ein unheimlich wichtiger mechanischer und chemischer Prozess in den menschlichen Organismus, das als Hauptziel hat, alle Produkte auf solche Art zu reduzieren, dass sie leichter von den Blutbahnen aufgenommen werden. So wird den ganzen Organismus mit Nährstoffen versorgt. Wir wissen, dass das Verdauen nicht im Magen, sondern im Mund anfängt. Der allererste Bissen beginnt der Kauensprozess. Dieses ist das Brechen des Essens mit den Zähnen, das Bewegen und Transportieren mit der Zunge und die Befeuchtung bzw. Schmiermittel mit dem Speichel. Demzufolge ist der Mund nicht nur ein unverzichtbares Reich der Genüsse, sondern auch ein Betriebszentrum für Nahrungszwecke. Unser Gesundheit wird wesentlich von der Qualität unseren täglichem Verdauen diktiert.

Es ist angemessen zu sagen, dass Menschen haben genügen Zähnen, um das Essen bis zum nicht wieder erkennbaren Brei zu kauen. Dennoch wählen sie darauf zu verzichten und stattdessen sich eine einzelne Zungenfunktion zunutze zu machen, nämlich das Transportieren im Express Modus von den Lippen direkt zu der Speiseröhre. Noch wichtiger, als die gemeinsame Arbeit von Zunge, Zähne und Speichel, ist der Zeitfaktor. Carlo Petrini, Gründer der Slow Food Bewegung, spricht nicht nur über die Notwendigkeit, dass wir beim Konsumieren genauer auf unsere Gewohnheiten achten. Er fordert uns ebenso darüber zu denken, was das Wort Konsum in der Tat impliziert. Zu konsumieren heißt, gänzlich abzuschaffen. Die Funktion des Mundes ist keinesfalls das absolute Abschaffen, sondern eine nützliche Assimilation zu gewährleisten, in dem das Essen völlig zerbrochen wird.

Die unterschiedlichen Wahrnehmungsabteilungen auf der Zunge sind guten Grund für die auffälligen Bewegungen manche Individuen zeigen, wenn sie den vollen Geschmack eines Getränks erforschen. An der Zungenspitze gibt es eine besondere Sensibilität für das Süße. An die Seiten des vorderen Teils wird auf Salziges reagiert, während die Seiten in hinteren Hälften für Saures verantwortlich sind. So bleibt das Empfinden von Bitterkeit im hinteren Zungenteil.

Papillae und Geschmacksknospen (vergrössert) auf der Zunge (Reproduktion aus 1918, und somit Gemeingut.)

Die Zunge ist Muskel und Organ zugleich, von einer Schleimhaut umgehend, mit Muskelgewebe, Papillae und Geschmacksknospen. Ihre Aufgabe ist, das Essen zwischen den Zähnen zu halten, damit es völlig gekaut wird. Dank vier intrinsische Muskeln, welche die Positionen der Zunge wechseln und vier extrinsische, die mit den Knochen verbunden, die Stellungen verschieben, während sie Rücknahme, Protrusion (Hervortreibung) sowie seitliche Bewegungen ermöglichen, ist die Zunge befähigt, das Essen zum Ösophagus zu transportieren und zugleich vermeiden, dass diese im respiratorischen Trakt landet. Sie säubert den Mund und fungiert als Thermometer, der den Gaumen vor extreme Temperaturen schützt.

Eine Gewohnheit in viele der Kulturen, die ich erleben konnte, ist Wasser oder andere Flüssigkeiten einzusetzen, um das Essen in dem Speiserohr runter zu spülen. Wenn sie nur wüssten, dass dies weder notwendig, noch gesundheitsfördernd ist. Ein Runterspulen mit Getränken erlaubt weder, dass das Essen ihre nötige Konsistenz vor den Eingang im Magen erreicht, noch den Befeuchtungsprozess und somit chemische Transformation durch den Speichel. Und es ist nicht nur, dass mit der Mangel an Zeit, die nutritive Nutzungen zu kurz kommen, die ein Mahl uns geben könnte. Auch der Genuss des Verkostens kommt viel zu kurz –
wenn er überhaupt kommt. Die Chemie im Essen wird freigesetzt, wenn sie mit dem Speichel in Kontakt kommen. Gelöst gleiten diese in den Geschmacksknospen hinein. Damit werden Rezeptoren aktiviert, die ins Gehirn die entsprechende Auskunft versenden. So ‚verstehen‘ wir dann Geschmack.

In das Kauen zu Verweilen ist offensichtlich essenziell. Das Kauen aktiviert die Speicheldrüsen zur Speichelproduktion, mit 2% aus anti-bakteriellen Stoffen sowie Enzyme zusammengesetzt. Die Enzyme helfen bei der Zubereitung der Nahrung für die zweite Verdauungsphase im Magen. Der Magen verlangt dieser Hilfe. Diese Enzyme arbeiten darauf hin, Speisestärke und Fette zu reduzieren. Sie verkleinern auch Essensreste, die zwischen den Zähnen zurück bleiben und schützen so vor Bakteriellen verfallen.

Darüber hinaus, nach dem Hinweis, dass das Verdauen schon im Mund anfängt, es ist wichtig zu ergänzen, dass kein Verdauen vollendet ist, bis das Essen den ganzen Weg durch Dickdarm, Rektum und After hinter sich hat. Das Verdauen ist nicht zu Ende, bevor die Sekretion stattfindet. Interessanterweise, Kaffee wird oft bei Darmspülungen eingesetzt.

Die Nahrung vom Genuss

Man lebt nicht von Vitaminen und Wasser allein, Gesundheit ist nicht nur durch Festes und Flüssiges erlangt. Es gibt Leben Jenseits der Materie.

Zu den besten Stimulanzien bei Menschen werden Sex, Musik, Kokain und Essen gezählt. Alle diese setzen die organische Chemikalie Dopamin frei, welche als Neurotransmitter funktioniert und mit der Genusswahrnehmung im Gehirn sowie mit physikalischen und emotionalen Reaktionen verbindet. Fünf Dopamin Rezeptoren befinden sich im Gehirn. Wissenschaftliche Studien bringen diese in Verbindung mit der Aufmerksamkeitsspanne, Motivation, mit unserer Laune und Erinnerungsvermögen. Mangel an Dopamin wird weiterhin mit der Tendenz zur Abhängigkeit in manchen Individuen, Depression, Bindungslosigkeit und wenig Konzentration verbunden.

Viele werden argumentieren, dass was Menschen von Tieren unterscheidet, ist eine weiter entwickelte und komplexe Fähigkeit des Denkens. Sollte ich Unterschiede herausheben wollen, eine Relevante wäre, unserem Genuss bei der Nahrungsaufnahme. Tiere fressen, Menschen Festessen. Es scheint ein biologisch angelegtes Bedürfnis im menschlichen Wesen zu sein, dass wir oft sogar längere Zeit bei der Zubereitung verbrauchen, als wir beim Verzehren brauchen und sogar erlauben. Wir nehmen uns manchmal Monate an Zubereitung, um einen bestimmten Geschmack zu erhalten. Dennoch, obwohl wir viel an Zeit, Energie und Komplexitäten investieren, bloß für guten Geschmack, Genuss bleibt ein Thema, dass in der Gesellschaft des Öfteren mit Nutzlosigkeit, Amoralität und Missbrauch in Verbindung gebracht wird. Die Suche nach Genuss bekommt nicht die Wichtigkeitsebene, Kontext zur Spiritualität und Tiefe, die Aristippos von Kyrene darin investierte, während er hedonistisch handelte und transzendent philosophierte.

Wenn das Koffein in der Schokolade, ist in der Tat die Substanz, die zur Fröhlichkeit des Liebhabers führt, brauchen wir keine weitere Logik oder Beweis dafür, dass Genuss, Kaffee, Verdauen und Leben – und für manche Individuen Schokolade – zusammen gehören.

I erinnere mich oft an den Jahren, die Boris Becker die Banane auf den Tennisplatz berühmt machte. Es ist selbstverständlich, dass er nicht dazu in der Lage war, sich zurück zu lehnen, entspannen und seine Banane mehr als dreißig Mal anständig kauen. Dennoch empfand ich, dass er nicht fraß, sondern aß. Viele Male saß ich im Restaurant und beobachtete wie Individuen essen. Nicht weil ich aus diesem Grund dort war, sondern weil die Art zum Essen war mir so speziell, ungewöhnlich oder arm, dass ich näher zuschauen musste.

Banane

Die Aufnahme von Nahrung kann unterschiedlich geschehen, wenn wir – zum Beispiel – eine Banane verzehren:

  • fressen
  • essen
  • genießen

Pfirsich, Apfel und Kiwi sind Geschmäcker, die ich deutlich in das wahrnehme, was wir Bananen-Geschmack nennen. Beim aufmerksamen und genüsslichen Kauen machen sich kleine und weiche Kerne auf der Zunge bemerkbar. Das ist leicht getan, wenn man mit der Zunge die Banane sanft vertikal bricht, nach den horizontalen Bruch durch den Zähne. Eine Banane ist weich genug, dass die Zähne kaum arbeiten brauchen. Sie haben eine ausgeglichene Konsistenz – nicht hart, aber hält sich gut zusammen.

Man kann bewusst wahrnehmen, auch wenn es sich um alltägliches Essen handelt. Ab dann mag es aber für immer ein anderes Essen sein.

Über den Mund hinaus

Nach dem ich in London im Jahr 2010 ankam, übernachtete ich mehrere Nächte in einem Gasthaus, dass als Residenz für einige religiöse Männer dient. Sie haben mit mir an Gastfreundlichkeit geteilt, durch unsere viele Unterhaltungen, Diskussionen und Mahlzeiten. Ich war oft da, wenn sie zusammen beteten und besuchte ihre Kirche ein paar Mal. An einem Abend hörte ich wie der Hausherr sich über sein ‚Zustand‘ äußerte, nicht länger auf die Zeit im Himmel warten zu können. Ich verstehe zweifelsohne und kann damit fühlen, dass man nicht darauf warten will oder kann, einen Ort oder eine Situation zu erreichen. Wir können auf Frühling nicht warten, manche auf Sommer nicht; wir können nicht auf Freitag warten, können nicht warten, bis unser Kind oder Geliebter nach Hause kommt. Jedoch, laut unterschiedliche Glaubensrichtungen, sind wir nicht ohne Grund auf dieser Erde, sei es eine Periode von 35, 75 oder 105 Jahre, und laut die meisten Religionen, diese Zeitspanne hängt von Gottes Willen ab. Somit verstehe ich, dass ein ungeduldiger Wunsch, dieser Erde zu verlassen, ist weder ein gesunder noch spiritueller Aufenthalt, wie Gott ihn geplant hat. Wenn hier, sei hier. Genau DAS ist unsere existenzielle Verantwortung.

Was hat dies alles mit Kaffee zu tun?
Alles.

Hier, unter Milliarden von Möglichkeiten, nur ein Beispiel an Komplexitäten mit Bedeutung:

Keine Pflanze entwickelt sich, wie Kaffee es tut – wachst Jahre, bevor es Früchte trägt, gibt grüne Beeren, lasst diese riefen und süß werden, konzentriert so viel Komplexität in ihren Kern und produziert Koffein, um sie zu schützen – bloß um schließlich geröstet zu werden. All dies nur für die Beschaffung der Alkaloide und Stimulanzmittel zum Schluss? Bloß um eine Droge zu beschaffen?

Kaffee sollte da sein, nur für ihre Koffein, genau wie das Glauben wird uns gegeben, einfach damit wir die Jahre zwischen Geburt und Tod besser und interessierter überleben können. Kaffee sollte bloß für ihr Koffein da sein, genau wie die einzige Rolle einer Küche ist, zu zeigen, wo ein Toaster mitunter kommen kann, genau wie unsere einzigen Grund, Füße zu besitzen, ist die Schuh Industrie einen Existenzgrund zu geben.

Wenn eine holistische Angehensweise keinen Grund und Bedeutung erweist, wenn die Komplexität unserer materielle und geistige Welten keine Wichtigkeit hat und gibt uns keinen Vorteil, keine zusätzliche Qualität im Leben, bräuchten wir nichts mehr als intravenöse Versorgung und Einspeisung. Dann bräuchten wir keine Vorbereitung, keine Kultur, keine Ästhetik, keine Bildung – nur Einspritzungen. Aber das Leben mit Lebendigkeit und Tiefe kann nur Ganzheitlichkeit sein. Nur so kann es fruchtbar sein, inspirierend und sich lohnen, dankbar zu sein.

Summa Summarum –

Der Gesundbrunnen befindet sich nicht in Bad Städte, nicht in Schottland, nicht im ecuadorianischen Vilcabamba, wo viele Hundertjährigen leben. Der Gesundbrunnen sind Sie in IHRE Entscheidung und Einstellung zum Leben. Wenn Sie den nächsten Kaffee vor sich haben, der mit ungeteilter Aufmerksamkeit und Respekt zubereitet und serviert wurde, glauben Sie zuerst mit der Nase. Haben Sie Vertrauen. Dann fahren Sie fort und lassen Sie ihre Zunge und Gaumen wissen, was die Wahrheit ist und alles innerhalb und über die Wahrheit hinaus.

Möge das Verweilen eine Erleuchtung sein.

 

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Zum weiterlesen:

Die Philosophie des Essens

Auf des Messers Gabel: Philosophie des Essens

 

 

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