Der Knopf und der Mörser

Gibt es einen Unterschied zwischen Geschmack und Qualität eines Kaffees, der in einem „Vollautomaten“ zubereitet wurde und einen aus rein manueller Zubereitung?

Seit Jahren verwende ich Holzhandmühlen aus der Türkei – auch als Mokkamühlen bekannt – für die Zubereitung meines Kaffees. Schon dies entspricht einem altmodischen, zeitaufwändigen und mühseligen Unterfangen in einer Gesellschaft, in der viele Produkte gemahlen gekauft werden, und wo die Mühlen, die domestisch hin und wieder zum Einsatz kommen, in der Regel elektrisch sind. Seit mehreren Wochen nun verwende ich nicht einmal diese primitiven Kaffeemühlen. Manche, die mich kennen, werden genau hier staunen, aber es ist in der Tat so. Doch die Abwesenheit von Mühlen in meinen täglichen Ritualen und Forschungen mit Kaffee hat nichts mit Konzept oder vorgeplante Absichten zu tun. Es waren vielmehr Zufälle, die dazu geführt haben, dass ich jeden Tag beide Arme und Hände mit einem Mörser (ca. 3,2 Kilo schwer) fast sportlich betätige. Obwohl, wenn ich bedenke, dass ich mal 473 Drehungen an meiner Handmühle gezählt habe, dürfte den Lesern klar sein, dass bei mir Genuss sehr wenig mit Faulheit zu tun hat – im Gegenteil.

Wildkaffee aus Äthiopien (Espressoröstung), Backkakao, Zimtpulver, Gewürznelke und hawaiianische Schwarzsalz

Als ich mit dem Mörsern von Kaffee anfing, hatte ich oft einen Anlauf gebraucht, um Mörser und Kaffee in die Hände zu nehmen. Jedes Mal wusste ich, dass, für die Freude und um die Lust auf Kaffee zu stillen, viel mehr Zeit und Energie notwendig waren als ich je zuvor kannte. Doch die Notwendigkeit und die Neugierde waren viel größer, als die Angst vor Erschöpfung. Und es hat sich gelohnt, nicht nur im Geschmack.

Zeit spielt beim Mörsern eine wesentliche Rolle, nicht nur weil das Mahlen viel länger dauert, sondern auch weil es gelernt sein will den richtigen Mahlgrad zu erreichen.  Nicht umsonst bieten manuelle und elektrische Mühlen ein breites Mahlspektrum zwischen grob und fein an. Diese Wichtigkeit merkt man beim Trinken. Und wenn man ein gutes Resultat erreicht, hat sich die schwere „Arbeit“ gelohnt. Nur am Anfang ist diese Arbeit als schwierig einzustufen, denn je länger man mörsert desto besser und leichter lässt es sich mörsern. Es geht jedoch weit über das Köperliche, Zeit und Geschmack hinaus.

Ich glaube, der Mensch liebt die Unmittelbarkeit und dass diese unsere Entscheidungen – ob alltäglich oder langfristig durchdacht, ob komplex oder einfach – uns wesentlich prägt. Ich glaube, dass wir viel glücklicher darüber sind, einen selbstgenähten Anzug zu tragen als einen gekauften, dass wir viel zufriedener sind mit einem gelungenen Apfelkuchen aus eigener Hand als mit einem aus der Bäckerei. Nicht nur – oder vielleicht gar nicht – weil im Gaumen ein wesentlicher Unterschied wahrnehmbar wäre, sondern weil mit einem gelungenen selbstgebackenen Apfelkuchen im Mund sich ein gesteigertes Gefühl des Glücks verbinden lässt. Wir sind oder fühlen uns viel näher am Geschehen. Wir werden mit dem Eins, was wir mit eigenen Händen formen, Eins mit Glücksgefühlen und Eins im Verstand.

Führen wir diese Unmittelbarkeit ein Schritt weiter. Bei Kindern entsteht des Öfteren den Eindruck, dass Fischstäbchen nicht aus dem Meer kommen. Erwachsene, die mehr oder weniger die Unterschiede an Herstellunsgformen von Kartoffel und Karotten auf Industrieebene begriffen haben, erfreuen sich an einem Urlaub im Bauernhof, wo Gemüse direkt aus der Erde gezogen wird. Mit anderen Worten, diese Unmittelbarkeit steht in einen realeren Bezug zu dem, was wir essen, tragen und um uns sehen, sowie zu dem, was um uns lebt. Ein Knopfdruck andererseits wirkt manchmal wie das Rutschen ins Abseits der Lebendigkeit, in Richtung Künstlichkeit. Ferner führt oft die Abschaffung physischer Bewegungen nicht zwangsläufig zur Energieeinsparung, sondern eher zum Mangel an Energielieferung.

Dieser intensivere Umgang mit Kaffee durch Mörsern ist jedoch nicht nur von physischer, zeitlicher und geschmacklicher Relevanz, sondern auch eine Frage der Energie in ihrer Qualität. Diesem Umgang stehen zur Verfügung sowohl die im Kaffee vorhandene Energie als auch die Energie, die durch den Umgang selbst entsteht. Aus diesem einfachen Grund sind Produkt und der Umgang mit diesem sehr wichtig.

Die Auseinandersetzungen, Ängste und Sorgen, die durch das Thema Klimaerwärmung immer lauter werden, haben das Thema ‚Strahlung durch Mobiltelefone‘ in den Hintergrund gedrängt. Früher war es die heftige und plötzliche Überschwemmung von Mobiltelefonen, die das Thema Elektrosmog in den Hintergrund drängten. Doch das scheinbar uralte Elektrosmogproblem bleibt immanent und wir sind täglich fremden Energien ausgesetzt, auf welcher wir im einfachen Alltag verzichten würden, wüssten wir genauer über die Schäden und auf welcher wir verzichten könnten, wenn wir es wollten. Denn schließlich kennen wir die Glücksgefühle, wenn wir uns näher am Geschehen finden.

Zusätzlich zu den Argumenten, dass wir durch mehr körperlichen Einsatz und weniger elektrische Energie profitieren würden, und dass durch manuellen Umgang mit unseren Lebensmitteln einen besseren Geschmack feststellen können, gibt es sicherlich weitere Vorteile zu unseren Gunsten auf einer Energie Umstellung.

In seinem Buch „Die Physiologie des Geschmacks“ schreibt Jean Anthèlme Brillat-Savarin (1755-1826) wie folgt:

„Die Türken, unsere Lehrmeister in dieser Hinsicht, mahlen den Kaffee niemals in einer Mühle, sie zerstossen ihn im Mörser mittelst einer hölzernen Keule, und wenn diese Instrumente lange Zeit gedient haben, so steigen sie im Werthe und werden theuer bezahlt.“

„Aus mehreren Gründen musste ich untersuchen, welche von diesen beiden Methoden vorzüglicher sei und ob das Resultat, einige Verschiedenheit zeige.“

„Ich röstete deshalb mit Vorsicht ein Pfund vortrefflichen Mokkas, theilte es in zwei gleiche Theile und Hess die eine Hälfte mahlen, die andere nach türkischer Weise mörsem.“

„Aus jedem Pulver bereitete ich Kaffee; ich nahm von jedem gleiches Gewicht, schüttete ein gleiches Gewicht kochenden Wassers darauf, kurz ich behandelte beide vollkommen gleichmässig.“

„Jch habe diesen Kaffee gekostet und von gewichtigen Richtern kosten lassen. Man stimmte allgemein darin überein, dass der Kaffee aus gemörseltem Pulver demjenigen aus gemahlenem Pulver weit vorzuziehen sei.“

„Jeder kann den Versuch wiederholen; indessen kann ich ein seltsames Beispiel über den Einfluss anführen, welche diese oder jene Behandlungsweise einer Substanz haben kann.“

Und wie haben sich die Zeiten geändert, dass mein Mörser nicht aus der Türkei ist, dafür meine Mühlen.

Wir leben in der Zeit, die wir leben. Sie müssen sich die Zeit für Kaffee- oder Mahlzubereitungen nicht nehmen, wenn Sie es nicht können. Aber wenn doch, Sie werden es deutlich merken, wenn Ihre Seele und Gaumen sich bedanken.

Wildkaffee (gemörsert) aus Äthiopien, das Land, wo die Frauen noch heute den Kaffee täglich rösten und mörsern.

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