Die Peripherie des Geschmacks

 

Vor etwa 7 Jahren nahm ich an einem Symposium mit sechs Künstlern teil. Einer von ihnen konzipierte den Rahmen des Symposiums und hatte uns eingeladen an dieser mehrtägigen Veranstaltung teilzunehmen. Einer der Eingeladenen war der belgische Maler Filip Francis. Francis ist aus den 70er und 80er Jahren bekannt, als er vor allem gemalt und Performances gemacht hat. Sein Hauptkonzept ist das Thema der Peripherie.

 

Hierfür fixiert er beim Malen seinen Blick mit Schärfe und Genauigkeit auf einen bestimmten Punkt des gesamten vorhandenen Motivs, malt aber dieses in ihrer Ganzheit. Sieht man dann seine Reproduktion auf der Leinwand, ist das Teil des Motivs, das er fixierte, mit scharfer Genauigkeit wieder zu erkennen. Doch je entfernter man vom fixierten Punkt schaut, desto unschärfer werden alle Linien und Konturen auf dem Bild. Das Schöne bei seiner Arbeit ist zu sehen, wie das Scharfe sich graduell ins Unscharfe verwandelt, alles innerhalb eines einzelnen Bildes. Das Kritische ist aber auch darin verkörpert, denn unsere peripherische Fähigkeiten werden damit geprüft. Es stellt sich die Frage, nicht wie weit, sondern wie breit können wir sehen? Selbstverständlich kann man als Betrachter das malerische Können des Künstlers genießen und bewundern. Als viel interessanter vernehme ich dennoch die Idee der Darstellung eines Hinsehens bezüglich der Peripherie und die Übung zur peripherischen Erweiterung. Hierfür könnte man versuchen durch Augenübungen das Augenmuskelsystem kontinuierlich dehnbarer zu machen, um somit mehr Klarheit in die Breite zu schaffen. Mit anderen Worten, je breiter die Fläche, die für uns auf einem Bild scharf bleibt, desto vollständiger und wahrhaftiger können wir ein Ort in dem wir uns befinden bildlich erfassen. Peripherische Erweiterung des Sehens ist gesteigerte Aufmerksamkeit und an Aufmerksamkeit fehlt es uns sehr.

 

Es bleibt unsere Entscheidung, ob wir uns mit dem Geschmack einer Erdbeere zufrieden geben, denn wir bevorzugen, ob wir immer beim uns bekannten Geschmack des Spargels bleiben wollen und beim familiären Geschmack  unserem Lieblingsolivenöl halt machen, oder ob wir diese Erlebnisse manches Mal erweitern wollen. Viele sind Verfechter der Idee des Purismus, eine Einstellung, die auch mich sehr oft anspricht und mal gefangen hält. Meines Erachtens ist aber Purismus oft viel eher das Bild bzw. die gefestigte Erinnerung des Bewehrten, des Bekannten, also des subjektiv, biographisch bedingten Ursprünglichen, als dass der Geschmack in der Tat ‚pur’, sprich rein wäre. Die Peripherie des Geschmacks wird oft von der Erinnerung und der damit verbundenen Ekel, Zwang oder Konsistenz bestimmt. Hierbei spreche ich ausnahmsweise nicht von Alchemie und der Erweiterung durch Komposition, sondern von der Peripherie innerhalb eines einzelnen Bildes, der Peripherie im Geschmack einer einzelnen Frucht. Ich spreche von der Offenheit, die mir manchmal fehlen kann, wenn ich Freunde oder Kaffeehäuser besuche und mein Gaumen vielleicht zu fixiert ist auf das, was er als Alltag, gut und hochwertig lieb gewonnen hat, um sich auf den momentanen Geschmack einzulassen. Ein „pfui!!!“ entspricht viel mehr der Überraschung des Geschmacks und viel weniger, dass der Geschmack tatsächlich pfui wäre.

 

Jedes Bild – Landschaft oder Leinwand – hat einen Rahmen, essbare Produkte haben einen Geschmacksrahmen. Diese Rahmen sind nicht unbedingt vorgegeben, sondern entsprechen unsere Fähigkeiten, darin und darüber hinaus zu sehen bzw. zu schmecken. 

 

Nach mehreren Versuchen mit verschiedenen Kaffeesorten und Zubereitungssystemen und den damit verbundenen anfänglichen Problemen, sich auf den neuen Geschmack umzustellen, überlege ich, ob es einen schlechten Kaffee wirklich gibt. Das bekannte Filtersystem (z.B. Melitta) ist hier ein Beispiel, den ich keinesfalls als „eigentlich gut“ gelten lassen möchte – keinesfalls! – aber, es stellt sich mir die Frage, ob ein „lieben lernen“ im kleinen Rahmen wirklich ein „lernen“ ist und ob eine stetige Erweiterung der geschmackliche Peripherieraum für den Begriff ‚schlechten Geschmack’ zulässt, oder bloß Vorlieben erkennen lässt. Zu der Frage stünde vielleicht die Antwort, dass je mehr ich unterschiedliche Kaffees offen verkoste, desto mehr öffnen sich mir Geschmacksvariationen und desto mehr erfahre ich über das Geschmacksspektrum, das auf viele Variationen besteht. Es sind, anstatt Gute und Schlechte, viele Unterschiedliche.

 

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