Verweildauer als philosophische Messung

Ihr Mund war ihr Heiligtum. Wenn es um Gelüste und die Liebe ging, alle anderen Teile ihres Körpers waren willig und frei. Julia Roberts küsste nicht.

Und wenn wir uns über der Umgang der Menschen mit der Philosophie beschweren wollten, dann eher über der Mangel am Philosophieren und philosophisches Leben, als über ein Bagattelisieren und überstrapaziertes Nutzen des Wortes. Im Mund fängt die einzige Philosophie an, die uns physisch am Leben erhält. Es ist diese kleine Kammer, in der sich Zunge, Speichel und Gaumen befinden und gemeinsam wesentliche Entscheidungen mitlenken, was reinkommen darf und was draußen bleiben muss. Hier fangen sie alles auf und entscheiden innerhalb von Sekundenfragmenten an Hand von Wissen und Prüfungen, was ihnen lieb bzw. nicht lieb ist. Im Mund wird auch die Wirkung mitentschieden, die Essen und Getränke auf den Körper haben werden, schon bevor sie diesen in Richtung Gedärme verlassen. Diese Wirkung wird aber nicht nur biologisch entschieden, denn die Dauer des Kauens und das Schlucken sind keine alleinige Entscheidung der Biologie. Die Verweildauer wird wesentlich dort entschieden, wo wir geistig Daheim sind. Der eine ist hungrig oder durstig und will dieses stillen. Ein Anderer sucht Nahrung und Gesundheit, ein Dritter das Verweilen und den Genuss.

Weitere Erklärungen, die der Notwendigkeit der Zeitspanne im Mund dienen sind ebenso biologischer, als auch inmaterieller Natur. Im Speichel befinden sich u.A. Verdauungsenzyme, so dass die Dauer im Mund gesundheitliche Vorteile mit sich trägt. Andererseits trägt der Genuß, der nur im Verweilen wahrnehmbar ist, wesentlich zum Wohlbefinden des Körpers und des Geistes bei. Speichel, Gaumen, Zunge und die Wahrnehmung des Geschmacks bewirken immer gemeinsam, was das Verzehrte uns gibt.

Doris Dörrie drehte einen Film über den Zen Koch Edward Espe Brown. In dem Dokumentarfilm „How to cook your life„, geht es unter Anderem um Zeit und um das sich-einlassen. Hierzu meint sie, dass es keine Frage der Zeit sei, ob man diese hat oder nicht, sondern eine Frage der Einstellung, sich diese zu nehmen.

Ein aufmerksames und philosophisches Verweilen im Mund beim Essen und Trinken sollte immer wieder stattfinden. Diese Philosophie darf auch eine einfache sein, doch sie sollte immer Platz finden. Der Reichtum entsteht nicht durch die Komplexität der Philosophie, sondern dadurch, dass sie Platz findet, sei es dass der einfache Mann sich die Zeit nimmt, mit religöser Regelmässigkeit eine Wurstbude zu besuchen und diese jedesmall genüsslich zu sich nimmt, oder dass Kant selbst seinen Senf rührt.

Der Puls der Philosophie des Essens und Trinkens ist mit hoher Wahrscheinlichkeit viel präsenter, als wir vermuten.

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