Dem Kaffee dienen

 

Dienen entspricht einer gewissen Einstellung zum metaphysischen und metageistigen Dasein und ist in seiner Ausübung und Absicht weitaus gültiger und spürbarer, als ihren bloßen Empfang beim einzelnen Bedienten. Im Dienst wird physisches Verlangen bedient, im Dienen befriedigt man die Seele.

Gold und Alltag, Beruhigung und Elixier, Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit – als sozialer, sowie wirtschaftlicher Aspekt – Alchemie und Technologie, Genuss und Nahrung, Medizin und Droge, Kultur und Kult, Existenz und Wachheit – all das ist Kaffee, als Getränk geschätzt, geliebt, in vielen Ländern gar beliebtestes und meistgetrunkenes Getränk.

Seine sofortige Wirkung ist beruhigend, die spätere aufmunternd. Kaffee hat in der Technologie, sowie in der Industrie viel Inspiration zu Tage gebracht. Die Maschinerie in ihrer Funktionalität und Ästhetik zeugt mehrfach hiervon. Sei es im Bereich der italienischen Espressozubereitung, im Bereich des Kolbensystems, oder für die französischen Stampfkannen, im Bereich der Kannen für türkischen bzw. arabischen Mokka, gar im Bereich der Filterkaffeezubereitung und selbstverständlich im Bereich der japanischen Geräte, die mit Halogenlampen das Wasser erhitzen: überall haben Schönheit und Funktionalität viel Wandlung, viele Etappen und erfolgreiche Resultate hervorgebracht.

[…]

Dienen im klassischen Sinne heißt, dass, um den Gast bzw. ‚Ober’tanen zufrieden zu stellen, man sich unterstellt, sich unterwirft, unterordnet, sich hingibt, sich beugt, sich ergibt, sich aufgibt, sich fügt, sich einhält, sich richtet nach, gehorcht, an die Hand geht bzw. die Hand gibt. Dienen heißt, für Jemanden etwas zu leisten, doch damit erhält man die Macht, ÜBER ihm zu sein. Denn es sind die Fähigkeiten des Dienenden, welche der Bediente verlangt und nicht seine ‚UNTERstellung.’ Vielleicht ist aber gar die Verbindung zwischen sich UNTERstellen und Dienen bloß in unserem sozialen bzw. kulturell bedingten Verhalten verwurzelt. Sieht man davon ab, dass das Dienen mit UNTERordnen zu tun hat, könnte man es schlicht als soziale Verantwortung sehen.

Etymologisch stellt es sich als ein wenig problematisch dar, dass Dienen und Bedienung in den unterschiedlichen Sprachen verbunden sind. Klar ist dennoch, dass man sich bedienen kann, sich dienen aber nicht. Bedienend wird Trinkgeld erwartet, dienend erfüllt man eine Aufgabe. Aber das Dienen als Begriff erlebt auch Missbrauch und über die Rolle und den Missbrauch des Wortes in unserer heutigen Gesellschaft schreibt der Soziologie Professor Wolfgang Sofsky wie folgt:

„Alle Welt spricht vom Dienen. Könige, Präsidenten und Minister geloben feierlich, sich dem Volkswohl zu unterwerfen. Soldaten dienen dem Vaterland, Beamte dem Staat, Mitarbeiter ihrer Firma, Kellner ihren Gästen und Gläubige ihrem Gott. Im Dienste der Menschheit arbeiten Ärzte, Forscher und diverse Hilfskräfte. Zwischen Staatsdienst, Gottesdienst und Kundendienst bestreiten Millionen Menschen ihren Lebensunterhalt. Das Dienen scheint ihnen Beruf, einigen sogar eine innere Berufung zu sein. Manch einer wird zu Nachhilfekursen in Dienstfertigkeit abgeordnet, um dem ungeliebten Service ein freundliches Antlitz zu verleihen. Auf allen sozialen Rängen spielt man die servile Attitüde vor, als gelte es, niedere Instinkte zu kaschieren und dem schnöden Macht- und Erwerbstrieb einen moralischen Sonderwert zu verleihen.

Mit dem Dienen haben alle diese Beschäftigungen nur wenig zu tun. Die Rhetorik der Unterwürfigkeit ist nichts als Spiegelfechterei. […] Weder die Putzfrau noch der Figaro, weder der Liftboy noch die Fußpflegerin sind Diener einer Herrschaft. Die allermeisten Beschäftigten taugen nicht einmal als Darsteller von Dienerschaft, so fremd ist ihnen, was Dienen letztlich bedeutet.“

(Aus „Von Dienen – Über eine unzeitgemäße Rhetorik“, von Wolfgang Sofsky)

Nun, es wäre zu viel Seele und zu wenig Leibeslust, wenn wir das Dienen im seelischen Bereich begrenzt ließen. Auch wenn das Dienen einen großzügigen Platz in den Geisteswissenschaften einnimmt, soll es sich auch physisch darstellen lassen. Und insbesondere beim Betrachten der Rolle eines Butlers bekomme ich den Eindruck, das Dienen sei etwas Ganzheitliches, denn hier manifestiert sich beispielhaft ein einheitliches sich UNTER- und ÜBERstellen, also ein rundes Dasein, wie es kaum ein anderer Beruf oder anderes Individuum verkörpert. Die ganze Aufgabe ist ein sich unterstellen, aber setzt besondere Fähigkeiten und Wissen voraus. Ein Butler strahlt Eleganz, Können und Würde aus. Dieses All-Wissen oder Alles-Können entspricht gewissermaßen einer Ausstrahlung von Macht. Es handelt sich also um ein Individuum, das sich mit ÜBERragenden Qualitäten UNTERstellt. Somit wäre es treffend, dass ein Diener in Wiener Kaffeehäusern sich UNTERstellt, der OBER heißt.

Ein Butler, der beispielsweise bei der renommierten International Butler Academy lernt, viel mehr können, als nur Kaffee zu lieben und ihn mit Anspruch zu kochen. Folgend sind Notizen einem elektronischen Gespräch mit Frank Fortgens The International Butler Academy, zum Beruf des Butlers. Manche Informationen aus dem Gespräch wurden leicht umgewandelt, da es sich hier vorwiegend um kommerzielle Gäste handelt. Anders als beim Butler, der ihm bekannten Individuen in deren privaten Räumen dient, dient der Ober öfter Gästen, die ihm fremd sind.

Eleganz ist eine wichtige Grundlage des Dienens. Der Kaffee wird mit Anmut serviert. Darüber hinaus gibt es Regeln, die man befolgen muss. Die Temperatur der Tassen ist höchst wichtig, die Platzierung des Kaffeelöffels, der auf keinen Fall mit dem Teelöffel verwechselt werden darf.Kaffeeloeffel-Teeloeffel

 

Verschiedene Utensilien sind Pflicht:

  • Tablett
  • Tabletttuch oder Tablettmatte
  • Tasse
  • Untertasse
  • Kaffeelöffel
  • Zuckerlöffel
  • Zuckerzangen
  • Kaffeekanne (bei Bedarf)
  • warmes Kännchen für heiße Milch
  • kaltes Kännchen für kalte Sahne
  • Tischdecken für Geschirr

Dienen ist eine Lebenseinstellung und nur um diese Lebenseinstellung geht es. Hat ein Individuum die richtige Einstellung, sowie Energie, Leidenschaft, Verpflichtungssinn und technische Fähigkeiten, kann es ein Butler werden. Darüber hinaus ist Wissen über Etikette und Verhaltenspsychologie, sowie über Produkte wie Wein, notwendig. Man ist da, um dafür zu sorgen, dass der Gast das Leben als Genuss empfindet.

Und von einem Menschen mit dieser Haltung lässt man sich allzu gerne bekochen, bedienen, beleben. Und diese Haltung darf in der gute Gastronomie keine Seltenheit sein. Ein Produkt, das wir in uns aufnehmen, wirkt in uns. Ein Produkt besteht sowohl aus den üblichen Zutaten, als auch aus unserem Umgang und der Einstellung zu diesen. Zutaten und Zubereitung sollen den Ansprüchen eines Gastes entsprechen. Sei sie Königin, sei er König.

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